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Ehrenzeichen
von Hans Brinkmann
erschienen am 15.12.2015

  

Brust raus, Bauch rein, Zähne zusammengebissen! Gerade wenn es nur „ein kleines Bisschen piekt“. – Nein, keine Impfung, um die Anheftung von Orden geht’s. Im Wasserschloss Klaffenbach werden derzeit Helden geehrt. Echt?

Gibt es noch Heldentum? Was für welches? Und wie verhält man sich dazu? Das Brecht-Wort vom unglücklichen Land, das Helden nötig habe, drängt sich auf, auch wenn manch einem lieber David Bowies „Heroes“ in den Ohren klingen. Gern lebte man ja schon in postheroischer Epoche, doch die Verhältnisse sind andere. Was ist mit den Helden des Alltags? Was mit notorischen Anti-Helden? Dass derart politisch-ernste Fragen ausgerechnet in einer Ausstellung von Schmuck-Gestalter/inne/n  thematisiert werden, mag befremden – jedoch nur dann, wenn Design und Mode per se als bedeutungs- und moralferne Kunstausübung begriffen werden, was sie mitnichten sind. Von Ines Bruhn, Professorin in Schneeberg, kuratiert, ist unter dem Titel „ausgezeichnet! most excellent“ eine Schau entstanden, die der Vielfalt des Themas erstaunlich umfassend gerecht wird. Über 180 Bewerber antworteten auf die Ausschreibung. 81 Künstler aus 19 Ländern, darunter Thailand, Mexiko, Argentinien, Portugal, Israel ..., sind schließlich vertreten, einige mehrfach. Einzelne Namen oder Werke hervorzuheben scheint angesichts der ausnahmslos hohen Qualität des Gezeigten unmöglich. Nicht immer waltet nur Ironie. Es gibt Nachdenkliches und Kontroverses. Das Flüchtlingsthema spielt eine Rolle, Krieg, Verwundung und Versehrtheit, der Einsatz für die Umwelt, Konsumverzicht, die Feuerwehr und die eigene Mutter, das Ringen um Würde. Neben gestandenen Künstlern sind Studenten einschlägiger Hochschulen beteiligt. Ein Raum wurde außerdem mit Exponaten des Militärhistorischen Museums der Bundeswehr bestückt; neben dem Blücher-Orden der DDR (für den Kriegsfall gedacht) sieht man hier u.a. einen Orden für „Eheliche Verdienste“ (Gold, Silber, Bronze) aus Zaire. Sehr anregend im Ganzen. Klug im Einzelnen.    

(für Stadtstreicher Chemnitz)

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Heldenschmuck im Wasserschloss
von Hans Brinkmann
erschienen am 15.12.2015

Schmuck für Helden – Ordensblech, „Früher war mehr Lametta.“ (Loriot). Und heute? Gibt es noch Heldentum? Wo? Und wie verhält man sich dazu ästhetisch? In Zusammenarbeit mit dem Militärhistorischen Museum der Bundeswehr, dem Chemnitzer SMAC und andren Partnern hat Ines Bruhn, Professorin an der Fachhochschule Schneeberg, im Wasserschloss Klaffenbach unter dem Titel „ausgezeichnet – most exzellent“ eine opulente Ausstellung kuratiert, die mit erstaunlicher Vielfalt zu klugen Schlüssen kommt. Neben Ironie steht Nachdenklichkeit, Kontroverse trifft auf Engagement. Über 180 Bewerber antworteten auf die Ausschreibung. 81 Künstler aus 19 Ländern, darunter Thailand, Mexiko, Argentinien, Portugal, Israel ..., sind schließlich vertreten, einige mehrfach.

Es gibt einen Katalog, ein Kolloquium und an die Besucher die Aufforderung, für den Publikumspreis zu voten.

Das Brecht-Wort „Unglücklich das Land, das Helden nötig hat“ drängt sich auf. Um wie vieles lieber lebte man in postheroischer Zeit, doch die Verhältnisse, sie sind nicht so. Den Helden des Alltags wird misstraut. Notorischen Anti-Helden auch. Krieg ist. Dass darauf ausgerechnet eine Ausstellung von Schmuck-Gestaltern (Gestalterinnen) Antwort sucht, mag befremden – jedoch nur, wenn Design und Mode per se als bedeutungs- und moralfern begriffen werden, was sie allerdings nie sind.  

Neben einem „Herz für Panzer“ finden sich denn auch Arbeiten aus Chips von Telefonkarten, die auf die Flüchtlingsproblematik verweisen, Recycling von Dosenblech für eine Amtskette steht einem „Kainsmal“-Gesichtsschmuck gegenüber. Es gibt Video- und Smartphone-Kunst. Das Militärhistorische Museum steuert u.a. den „Blücher-Orden“ der DDR (für den Kriegsfall), das NS-Mutterkreuz oder einen Orden für „Eheliche Verdienste“ aus Zaire bei. Verwundung und Versehrtheit sind thematisiert, Konsumverzicht, die Feuerwehr und die eigene Mutter, das Ringen um Würde, aber auch der „Ehrgeiz“ oder die „Passivität“.

                Gut, dass viel erklärt wird, noch mehr lässt sich entdecken.    

(für Karacho, Chemnitz)

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Verweigerung des Heldentums

Von Matthias Zwarg
erschienen am 07.01.2016

Siegerposen, Pappmedaillen, Blechdosenverschlüsse: Das Wasserschloss Klaffenbach zeigt eine einzigartige Ausstellung mit Schmuckkunst für die neuen Helden.

Chemnitz. Einige Orden kann sich der Besucher im Wasserschloss Klaffenbach gegen eine kleine Gebühr gleich mitnehmen - wer etwa "passiv" ist, kann sich eine entsprechende Plakette an die Brust heften - oder sie einem geeigneten Delinquenten feierlich verleihen.

"Gibt es heute noch Helden? Und wenn ja, wer sind sie und (wie) soll man sie erkennen?" Diese Fragen stellte der Chemnitzer Künstlerbund an die (Kunst-)Welt - und erhielt zahlreiche interessante, ungewöhnliche, originelle, überraschende Antworten. Unter der Projektleitung von Ines Bruhn, Professorin an der Fakultät für Angewandte Kunst in Schneeberg, wählte eine international besetzte Jury Arbeiten von 80 Künstlerinnen und Künstlern aus 25 Ländern für die Ausstellung "Ausgezeichnet! Most Excellent! - Schmuck-Kunst für Helden" im Waserschloss aus.

Helfen, teilen, verzichten
Die Ergebnisse können sich, was formale und inhaltliche Vielfalt betrifft, sehen lassen. Die Ausgangspunkte vieler Arbeiten sind oft naheliegend und wenig überraschend. Wenn etwa die Deutsche Konstanze Prechtl ihre Auffassung vom modernen Helden beschreibt: "Ich helfe, ich teile, ich reiche dir meine Hand. Wer heute ein Held ist, verlangt nicht nach großen, auffälligen Auszeichnungen. Ein Held hilft, ohne aufgefordert zu werden, teilt, was er entbehren kann, ein Held reicht seine Hände denen, die Hilfe benötigen. Gerade heute sollten wir alle Helden sein." Und er bekommt deshalb von ihr auch nur einen kleinen Anstecker, der die Heldentat digital mit der Welt teilt. Viele Künstler orientieren sich an den mitunter politisch allzu korrekten und aktuellen "Helden des Alltags", die umweltbewusst leben, sich gegen Gewalt und für ihre Mitmenschen, Hilfebedürftige und bescheideneren Konsum einsetzen - die künstlerischen Umsetzungen sind aber oft originell, witzig-ironisch und überraschend.

So korrespondieren viele Arbeiten unausgesprochen mit dem Satz aus Bertolt Brechts "Galilei": "Unglücklich das Land, das Helden nötig hat." Mais Zaibi aus Israel etwa widmet ihren zerknittert-leeren "Halsschmuck" symbolisch "allen selbstgefälligen Personen". Der Chemnitzer Grafiker Ingolf Höhl inszeniert sich in großformatigen, (be-)stechend scharfen Foto-Porträts selbst in Herrscherpose, aber im Kostüm und in der Umgebung alltäglicher "Helden" - ein Arzt, ein Bauer - und führt damit auf bestürzende Weise unwirkliche Machtposen ad absurdum. Der Israeli Rill Greenfeld schreibt zu seiner Heldenbrosche: "Jede Auszeichnung kann ein Ausdruck für die Sünde Stolz sein." Entsprechend wenden die ausgestellten Arbeiten bekannte Schmuck- und Heldensymbole oft in ihr ironisch-bissiges Gegenteil. Die Deutsche Babette von Dohnanyi zeichnet ihre Heroen mit verstopften Plastikwaffenimitaten aus. Silke Mohrhoff, ebenfalls aus Deutschland, formt einen "Superhelden" aus Ton - in Turnhemd, Stiefeln, mit Helm und Brille, denn "Superhelden halten ihre wahre Identität geheim, indem sie sich kostümieren". Josefine Mass aus Belgien hat Blechdosenverschlüsse zu einer Kette geknüpft, die ein Symbol der "Nachhaltigkeit und Kreativität" sein sollen. Jette Zirpins aus Mexico hat ihren Schmuck dem Verzicht gewidmet. Die Deutsche Raphaela Kula stellte ein Siegerpodest vor das Bild einer tristen Sportarena, auf dem sich Besucher selbst fotografieren lassen können. Es wird allerdings - wie oft im wirklichen kapitalistischen Leben - nur der 1.Platz gefeiert. Verlieren verboten.

Gegen Prunk und Pracht
Die modernen ironisch-kritischen Heldenauszeichnungen, die sich dem Begriff oft verweigern, kontrastieren mit einigen Vitrinen, in denen echte Orden aus aller Welt zu sehen sind - zur Verfügung gestellt vom Militärhistorischen Museum der Bundeswehr in Dresden - die einer ganz anderen Ästhetik folgen - etwa die skurril wirkende "Medaille für eheliche Verdienste" der Republik Zaire.

Da dominieren mehr oder weniger aufwendig geprägte edle Metalle, glitzernd durchwirkte Bänder, oft etwas unbeholfener Prunk und Pracht. Diese Gegenüberstellung ist interessant - wäre aber vielleicht gar nicht nötig gewesen, weil sie der Ausstellung zeitgenössischer Symbol- und Schmuckformen für "Helden" oder eben "Anti-Helden" etwas von ihrem kontroversen Stachel nimmt und sie in eine Tradition stellt, der sie sich wohl gerade verweigern möchten. Wie überhaupt die sehr noble Präsentation der Arbeiten ab und an hätte aufgebrochen werden können zugunsten einer weniger prätentiösen, unheldischeren Ausstellungsform. Das schmälert aber nicht den Reiz dieser sehenswerten Schau, die in ihrer Art ganz sicher einzigartig ist.

Die Ausstellung "Ausgezeichnet! Most Excellent! - Schmuck-Kunst für Helden" im Wasserschloss Klaffenbach in Chemnitz wird bis 14. Februar gezeigt, Di.-So., 11-17 Uhr. Am 15. und 16. Januar findet zur Ausstellung ein hochkarätig besetztes internationales Kolloquium im Wasserschloss und im Archäologie-Museum Chemnitz statt.

(für FREIE PRESSE)

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Frühe Helden, künftige Heroen
BLICK 18.11.2016 (vtz)

Ausstellung Designobjekte zeigen, wie sich echtes und unechtes Heldentum würdigen lässt

Es gibt schon eigenartige Auszeichnungen. In der DDR zum Beispiel den Blücher-Orden: Erfunden für besondere Leistungen in einem künftigen dritten Weltkrieg und weil es zu dem nicht kam, nie vergeben. Anders die "Medaille für eheliche Verdienste", die in Zaire an Paare vergeben wird, die besonders lang durchhalten. Diesen mehr oder minder realen Ehrungen stellt das Wasserschloss Klaffenbach in seiner jüngsten Ausstellung "ausgezeichnet! most excellent!" jede Menge erfundene gegenüber. In einer internationalen Ausschreibung hatte das Museum Künstler und Designer in aller Welt darum gebeten, sich über Heldentum Gedanken zu machen. Was als Antwort hereinkam, kann in seiner Bandbreite kaum größer sein, schon die 80 schließlich ausgewählten Künstler zeugen davon: Da gibt es die vergoldeten Drachenschuppen als Broschen, die an Sagenheld Siegfried erinnern. Da gibt es Kettenanhänger als durchlöcherte Keramik-Organe, die für lebensrettendes medizinisches Personal bestimmt sein könnten. Da gibt es Like-Daumen in unterschiedlichsten Formen, die an die Entwertung positiver Kritik durch ihre millionenfache Anwendung erinnern. Ein Orden aus vereistem Sirup, der nach der Anheftung durch die Körperwärme zu einem Blutfleck zerschmilzt. Oder auch Orden mit Eigenschaftsworten, die man kaufen und damit an sich selbst verleihen darf. Die Künstler reflektieren Kriege und Bürgerkriege, frühere Helden und künftige Lebensretter, Helden des Alltags und selbsternannte Heroen. "Es ist ein breites Spektrum, was verdeutlicht: Man kann ganz unterschiedliche Standpunkte zum Thema Heldentum abgeben, auch heute noch", freut sich Ines Bruhn, Professorin für Gestaltungsgrundlagen in Schneeberg, die die höchst anregende Schau mitgestaltet hat. Bis zum 14. Februar ist "ausgezeichnet! most excellent!" im Wasserschloss zu sehen.